Freitag, 12. März 2010

Riesengroße Schweinerei

Nach langem, schweigsamem Beieinandersitzen sagte H. : "Es gibt Menschen, die berührst du, und danach riechen deine Finger nach Rauch, so sehr, das wirst du nicht mehr los. Verstehst du? Du verbrennst dir zwar nicht die Finger, aber du wirst diesen widerlichen Geruch nicht mehr los. Eine riesengroße Schweinerei ist das."

Freitag, 5. März 2010

Die falsche Schwester

Ein alter Freund, der inzwischen in Übersee lebt, hat mir geschrieben. Der absenderlose Brief mit der ausländischen Briefmarke hat lange unangetastet auf dem Küchentisch gelegen, bis ich mich traute ihn zu öffnen. Aus irgendeinem Grund hatte ich ein ungutes Gefühl. Das Gefühl war so unbegründet wie die Nervosität, die einen überkommt, wenn man einen Anruf mit unterdrückter Rufnummer erhält, genauso paranoid. Als ich den Brief öffnete und die kleine enge Schrift sofort als die noch etwas kleiner und enger gewordene Schrift meines alten Freundes erkannte, war ich erleichtert. Ich dachte: Es hätte schlimmer kommen können. Ich dachte: Es ist dieser Freund, der mir geschrieben hat und kein anderer. Vielleicht dachte ich sogar etwas so Unsinniges wie: Das Schicksal meint es gut mit mir, die Vergangenheit ist gnädig. Warum mein alter Freund, seinen Absender nur in den Brief und nicht auf den Umschlag geschrieben hatte, verstand ich nicht. Noch auf der ersten Seite des Briefs schrieb mein alter Freund, dass seine Schwester gestorben sei. Er schrieb, er sei in unserer Geburtsstadt gewesen, um seine Schwester, wie er es ausdrückte, zu Grabe zu tragen. Er beschrieb den Tag des Begräbnisses als einen übersonnigen Tag, und er erwähnte, dass er mit seiner Familie auf dem Weg zum Friedhof an meinem Elternhaus vorbeigefahren sei und an mich gedacht habe. Ich stellte mir vor, wie mein alter Freund durch die triste Nachbarschaft meines Elternhauses fuhr und wie er später, zusammen mit drei anderen Männern, den Sarg seiner Schwester trug, obwohl heutzutage, wenn ich mich nicht täusche, es nur noch selten die Verwandten der Toten sind, die deren Särge tragen. 
Mein Freund von früher und ich hatten uns – das fiel mir jetzt wieder ein – das letzte Mal vor einigen Jahren am Bahnhof unserer Geburtsstadt getroffen. Ich erkannte ihn schon von Weitem an der Art, wie er den Kopf ein wenig schräg hielt beim Gehen. Damals war früher noch nicht allzu lange her. Mein alter Freund hatte sich jedenfalls nicht verändert. Wenigstens bildete ich mir das ein, denn er sprach, wie er immer gesprochen hatte, er sah mich an, wie er mich immer angesehen hatte, er trug die gleiche Jacke, die er immer getragen hatte. Vielleicht war ich damals der Überzeugung, dass ich auf dem besten Weg in ein Leben war, in dem sich alle Verheißungen, die es in meiner Vorstellung bereithielt, irgendwann erfüllt haben würden. Vielleicht wollte ich aber auch nur Abstand von allem, das Stillstand vermuten ließ. In jedem Fall glaubte ich, in einer ganz anderen Welt zu leben, als mein alter Freund. Auf eine seltsame Art fühlte ich mich fremd vor ihm. Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte auf seine Worte. Ich war wütend, weil es nichts zu sagen gab.
Obwohl ich der Schwester meines alten Freundes nie sehr nah gewesen war, hatte ich früher den Eindruck gehabt, dass sie, immer in Sichtweite, ihre Bahnen um den Alltag unserer Freundschaft zog. Mein Freund von früher und ich sahen uns damals sehr oft. Unsere Freundschaft war so eng, dass wir uns vermissten, wenn mehr als ein Tag ohne ein Treffen oder ein Gespräch vergangen war. Die Schwester meines Freundes von früher begegnete mir nicht nur im Elternhaus meines Freundes, sondern auch in der Schule. Sie war zwei Klassen unter mir. Wir grüßten uns, wir kannten uns, auf distanzierte Art waren wir uns sympathisch.
Ich habe bisher wenig Erfahrung gemacht mit dem Tod. Die plötzliche Präsenz der Schwester meines Freundes von früher beunruhigte mich. In Gedanken nannte ich sie immer wieder bei ihrem Namen, es kam mir geradezu hysterisch vor. Seit ich meinen alten Freund und damit auch sie aus den Augen verloren hatte, war mir ihr seltener Name nicht mehr zu Ohren gekommen. Wäre es doch dazu gekommen, hätte ich mit großer Wahrscheinlich nicht an die Schwester meines alten Freundes gedacht. 
Als ich am Tag nach der Brieflektüre aufwachte, ging mir im Halbschlaf der Gedanke durch den Sinn, dass die Schwester meines alten Freundes nicht tot sei. Der Gedanke weckte mich auf eine unangenehm Art, und je wacher ich wurde, desto unabweisbarer wurde die Überzeugung, dass mein Gedächtnis mir einen schrecklichen Streich gespielt hatte. Denn plötzlich fiel es mir wieder ein: Es hatte neben der jüngeren Schwester eine zweite Schwester gegeben, eine ältere Schwester, der ich nie begegnet war, weil sie damals nicht mehr in unserer Geburtsstadt lebte. Es bestand die Möglichkeit, dass ich mich geirrt hatte, dass ich in Gedanken die falsche Schwester tot geglaubt hatte. Ich schämte mich, und ich fragte mich argwöhnisch, warum mein alter Freund in seinem Brief den Namen der verstorbenen Schwester nicht erwähnt hatte. Aber dann sagte ich mir, dass es sicher keine Absicht gewesen war. Vielleicht hatte mein Freund von früher in seinem Brief gut versteckt darauf hingewiesen, welche Schwester gestorben war, ohne ihren Namen zu nennen. Vielleicht wollte oder konnte mein alter Freund aus irgendeinem Grund den Namen der Schwester nicht nennen. Ich las den Brief nicht noch einmal, um eine Antwort darauf zu finden, sondern nahm mir vor, meinen alten Freund in meinem Antwortbrief offen zu fragen, um welche Schwester es sich handelt, und die Scham angesichts meines folgenschweren Vergessens zu ignorieren. Aber die Scham blieb. Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich schuldig. Ich hatte das Gefühl, etwas unfassbar Gewaltsames getan zu haben, etwas, wofür man nicht um Verzeihung bitten kann. 

Ich hatte recht. Jetzt weiß ich es. Mein alter Freund hat mir geschrieben. Man kann sagen, es war nur ein Irrtum, ein Missverständnis. Aber so einfach ist das nicht.  

Donnerstag, 4. Februar 2010

R.






H. und ich machten mit dem 70-jährigen R. in einer Bar Bekanntschaft. Er war allein, trank Mineralwasser und trug einen dünnen hellen Trenchcoat. Wir bedauerten, dass er nicht in Begleitung war und fragten uns, wie es wohl wäre, wenn er bei uns säße und wir uns mit ihm unterhielten. R. bemerkte, dass wir über ihn redeten. Er kam auf uns zu und fragte, ob es noch weitere Schwulen- und Lesbenbars in der Gegend gebe. Aber wir konnten ihm keine Auskunft geben und baten ihn stattdessen, sich zu uns zu setzen. Nachdem er sich versichert hatte, dass unser Angebot ernst gemeint war, nahm er es mit einer gewissen Skepsis an und setzte sich zwischen uns auf die Couch. R. begann zu reden. Seiner elaborierten Sprechweise wegen hielten wir ihn anfänglich für einen Akademiker. Als R. allerdings zum wiederholten Mal um unsere Zustimmung heischte, dass dieser oder jener Sachverhalt von ihm besonders brillant ausgedrückt worden war und sich auf kindlich-überhebliche Art darüber freute, wenn wir ihm (zunächst aus Freundlichkeit und Anerkennung) beipflichteten, ahnten wir, dass es anstrengend mit ihm werden würde und es sich bei ihm mit großer Wahrscheinlichkeit nicht um einen Akademiker handelte. Wir hatten ihn zu uns gebeten, und es gab keine Möglichkeit, ihn nun ohne Weiteres wieder loszuwerden. Es dauerte nicht lange, bis wir von dem katholischen Waisenhaus erfahren hatten, in dem er aufgewachsen war, von den Spielereien unter der Bettdecke (nicht nur an sich selbst, sondern auch an den vom Nachtschweiß feucht gewordenen Verlockungen seines Heimfreundes), von den strengen Züchtigungen durch die unbarmherzigen Nonnen, von der Scham, der Schuld und der Sehnsucht, die nicht wusste wohin in der trostlosen Enge des Heims. R. sagte, das Waisenhaus habe sein Leben zerstört. Es dauerte nicht lange, bis wir von seiner jugendlichen Lese- und Rechtschreibschwäche erfahren hatten und von seiner Faust-Lektüre im Jugendalter, die R. so sehr beeindruckt hatte (was H. und mir schwer fiel zu glauben), dass sie in ihm den Wunsch geweckt hatte, Buchhändler zu werden, was ihm nach mehreren gescheiterten Bewerbungsversuchen mit einem nur mittelmäßigen Volksschulabschluss schlussendlich doch noch gelang. Wir erfuhren von R.'s Ausbruch aus der katholischen Kirche und der Zuflucht, die er bei den Protestanten suchte und nicht fand, weil diese ihn nicht weniger erbarmungslos als die Katholiken für sein Anderssein verurteilten, das er, wie er uns erzählte, ab der zweiten Hälfte seines Lebens umso offener vor sich hertrug, je frommer die Menschen waren, mit denen er Umgang pflegte. Er erzählte uns von seinem Bibelstudium und lobte sich für seine profunden  theologischen Kenntnisse und seine Fähigkeit, selbst einem beschlagenen Gemeindepfarrer in die argumentative Bredouille zu bringen. (In welchen theologischen Zusammenhängen genau, das verriet er uns nicht.) R. sagte, die Bibel habe sein Leben zerstört. Dass R., trotz seiner Lebensgeschichte und seiner Liebe zu Männern, zum engagierten Leiter einer dem Berliner Bistum angehörigen theologischen Buchhandlung geworden war und sowohl Geistlichen als auch theologisch interessierten Laien mit großer Sachkenntnis zur Seite stand, erschien uns vor allen Dingen deshalb kaum vorstellbar, weil R. nichts Gutes an der Bibel ließ. Vor vielen Jahren, sagte er, habe er die Bibel gelesen und nach einer weiteren lektürebedingten Demütung beschlossen, sie beiseite zu liegen und nur noch hervorzunehmen, um sie mit der Kraft seines Denkens argumentativ zu demontieren. Bisweilen, insbesondere im Kreise der radikalen Bibelfreunde, der über eine überraschend große Anzahl hochintelligenter Mitglieder verfüge, gelinge ihm das auch. Was ihn aber vor allen Dingen bedrücke, sei die Tatsache, dass ihn auch die Poesie der Bibel nicht mehr zu berühren vermag. Sie sei machtlos gegen das Schlechte und Böse, das um sie ist. Als wir R. vorsichtig mit der Tatsache vertraut machten, dass in der Bar, in der wir uns befanden, der einzige Band der sogenannten Klobibliothek eine Bibel war, lachte er laut auf und winkte ab. R. zeigte sich im weiteren Verlauf unseres Gesprächs ungläubig über unsere Bemerkung, dass wir uns zwar den Männern, aber deshalb noch lange nicht notwendigerweise einander über das Freundschaftliche hinaus zugeneigt fühlten. R. sah uns abwechselnd an, dann strich er H. über die Wange, was H. kommentarlos geschehen ließ. H. und ich sagten, dass wir uns nun langsam verabschieden müssten, und R. eröffnete uns, dass es bis zu einem gewissen Grad bereichernd gewesen sei, sich mit uns zu unterhalten. Ich fragte R., ob er sich während unseres Gesprächs habe bemühen müssen, seine Gedanken in eine schlichtere als die ihm gemäßeste Form zu kleiden. Er bejahte meine Frage mit einem energischen Kopfnicken, so als hätte er sich vor uns der Dummheit bezichtigt, wäre die Antwort auf die Frage ein Nein gewesen, wovon stark auszugehen ist. H. und ich verabschiedeten und verließen die Bar. Auf unserem Nachhauseweg sprachen wir über R.'s erschütterndes Geständnis: Er habe nie in seinem Leben, hatte R. gesagt je auch nur annähernd erfahren dürfen, was es bedeute, eine Freundschaft einzugehen, ganz zu schweigen von einer Liebesbeziehung, hatte R. gesagt. R. hatte uns im Anschluss daran noch sein tiefgehendes Interesse sowohl für kriminologische Fragen als auch für bestimmte Fragen des Sexualstrafrecht anvertraut und sich dann, selbstvergessen und wie aus einem Buch vortragend, eingehend zu einem Problemkomplex geäußert, den er mit dem Begriff Sexualmündigkeit bezeichnete. R. hatte uns wissen lassen, zu wem er sich sexuell hingezogen fühlte. Es fiel uns nicht schwer, uns vorzustellen, wie er in seinem dünnen Trenchcoat die windigen Ladenpassagen am Bahnhof Zoo entlanglief. Die Vorstellung davon, was geschah, wenn er erst fündig geworden war, beunruhigte uns aus irgendeinem Grund genauso, wie etwas Grundsätzliches an ihm.

Dienstag, 8. Dezember 2009

Die Dichterlesung

Der Mann kam verspätet in den Saal und setzte sich auf den noch freien Stuhl am Gang. Er trug eine dunkelblaue, dünne Jacke, unter der sich seine knochigen Schultern abzeichneten. Die Ärmel waren zu lang und die für die Jahreszeit zu dünne Windjacke viel zu groß. Während auf dem Podium eine Dichterin ihre Verse las, berührte er seine linke Achillesferse, streichelte, kniff und kratze sie, so wie andere Menschen ungehalten an ihren Fingernägeln kauen oder an ihren Barthaaren zupfen. Der Mann schien nicht ins Publikum zu passen.
Als die Dichterin ihren Vortrag beendet hatte und die Zuhörer noch applaudierten, stand der Mann auf und lief mit beunruhigend eiligen Schritten in Richtung Podium. Er stürmte nicht auf die Bühne, sondern verschwand hinter einem Vorhang, der sich neben dem Podium befand und durch den hindurch man auf die Hinterbühne gelangte. Dann lasen zwei weitere Dichter. Als der Moderator der Poesieveranstaltung schließlich einen Dichter aus einem südafrikanischen Land ankündigte, über dessen genaue geographische Lage ich mir im Unklaren war, kam er mir wieder in den Sinn.




Der Mann, der vor mir gesessen hatte, trat nun mit nacktem Oberkörper und mit einem Lendenschurz bekleidet auf die Bühne. Er trug eine blonde Perücke. Das Haar türmte sich hoch und wild auf. Weder Gelächter noch irgendeine andere Form des Ausdrucks von Amüsement oder Überraschung war im Publikum zu vernehmen. In seiner Verkleidung stellte der Mann das Stereotyp des unzivilisierten, afrikanischen Wilden dar. In den englischsprachigen Gedichten, die er deklamierte, war keinerlei Poesie, nur das Abbild des trostlosen Lebens des Dichters: Armut und Hunger, Ausbeutung und Ungerechtigkeit, die Gewissheit einer finsteren Zukunft. Der Dichter war sehr jung, und das Land, aus dem er kam, ist, wie ich später erfuhr, eines der ärmsten Länder der Welt. Die Texte des jungen Dichters dienten keiner wie auch immer gearteten, poetischen Selbstvergewisserung (einer dichterischen Haltung, an die wir gewöhnt sind), sondern er musste sie eigens für uns geschrieben haben, womöglich noch im Flugzeug auf dem Weg nach Europa. Sie waren an ahnungslose, in einer anderen, von der Drangsal seines Lebens unberührten Welt lebende Menschen gerichtet. Der Moderator hatte bei seiner Anmoderation nicht versäumt zu erwähnen, dass der junge Dichter das erste Mal in seinem Leben mit einem Flugzeug geflogen sei, um zu der Lesung zu kommen. Man nahm das zur Kenntnis. Nach der Lesung machte es den Anschein, als sei gerade diese Information geeigneter gewesen, dem Publikum die lebensweltliche Kluft begreiflich zu machen, die zwischen ihm und dem jungen Dichter bestand, als alle Gedichte, die er gelesen hatte, zusammengenommen.




Als später die Sektgläser geleert und von den Appetithäppchen nur noch die Holzspießchen übrig waren, stand der junge Dichter mit einem Glas Wein in meiner Nähe. Er trug wieder die weite Jacke, seine freie Hand verschwand im Ärmel. Manchmal sprach ihn jemand an, meistens stand er allein. Als ich ihn zuletzt sah, packte er an der Garderobe eine Sporttasche. Sie war so groß, dass ein ausgewachsener Mensch mit ein wenig akrobatischer Begabung Platz in ihr gefunden hätte. Als er die Tasche anhob, sah es so aus, als sei sie leer. Es hieß, er fliege noch in der Nacht zurück.

Freitag, 18. September 2009

Schöne Gegenstände

Wieder eine von H.'s dramatischen Geschichten: Er hat die teuer auf dem Flohmarkt erstandene taubenblaue Porzellantasse mit seinem Winterstiefel zertreten. Ich fragte ihn: "Und dann?" Er sagte: "Dann habe ich die Scherben liegen lassen und bin aus der Wohnung gegangen, in der Hoffnung, dass die Tasse wieder ganz ist, sobald ich zurückkomme." H. verabscheut sich für seine Sehnsucht nach schönen Gegenständen.

Mittwoch, 9. September 2009

Vergiß mich nicht!

H. hat mir vor einiger Zeit sehr eindrücklich von der Flucht seines Großvaters erzählt, der als Halbwüchsiger, gemeinsam mit seinen Geschwistern, vor den näherrückenden Sowjettruppen aus Pommern geflohen ist. Erika, die Schwester von H.'s Großvater, verschwand damals in einem Waldstück. H.'s Großvater hat nie von seinen Erlebnissen gesprochen. Wann immer es jemand wagte, ihn auf die Fluchtereignisse anzusprechen, polterte er, er habe dazu nichts zu sagen, er wisse nichts, er sei ein Rotzbengel gewesen und habe die Augen zugemacht, wann immer es ging. 
H. sagte, dass er sich als Kind alles immer ganz genau habe ausmalen müssen. Wenn er nachts schlaflos gewesen sei, habe er die Bilder oft nicht loswerden können. Er habe Erika, als Kind in einem hellen Kleid mit nackten Armen, an einem bewölkten, windstillen Tag, an dem winzige, kaum sichtbare Schneeflocken vom Himmel fielen, zwischen den grauen Baumstämmen, gerade so als mache sie einen Waldspaziergang, langsam verschwinden sehen. Oft, sagte H., habe er sich Erika vorgestellt, wie sie – in ihrem leuchtenden Hemd an einen dunklen Baumstamm gelehnt – erfror, mit einem Gesichtsausdruck bar jeder Anspannung, so wie ihn H. von seiner schlafenden Schwester kannte.  
An dem Tag, an dem mir H. all das erzählte, war ich gerade mit der Bearbeitung eines Textes über die Wilhelm Gustloff fertig geworden, deren Untergang nach einem sowjetischen Torpedotreffer mit mehr als 10.000 deutschen Zivilisten und Soldaten als größte Schifffahrtskatastrophe aller Zeiten Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat. Ich erzählte H. die Geschichte einer Familie, die man nicht mehr auf die Wilhelm Gustloff gelassen hatte, verschwieg ihm jedoch aus irgendeinem Grund ihr weiteres Kriegsschicksal.



H. hat mir eine Fotografie geschickt, die Erika zeigt. 



H. schreibt in seiner E-Mail, er könne kaum glauben, dass ihm jahrelang nicht eingefallen sei, alles das, was er sich als Kind so lebhaft vorgestellt habe, zu hinterfragen. Nicht nur, dass Erika damals, wie das Foto belege, kein Kind mehr gewesen sei. Erika sei darüber hinaus mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht in einem Waldstück verschwunden, sondern auf der Wilhelm Gustloff umgekommen. Bei einer Familienfeier mit entfernten Verwandten großväterlicherseits sei das Gespräch, schrieb H., auf H.'s seit vielen Jahren verstorbenen Großvater und dessen Geschwister gekommen. Erika, habe es geheißen, habe ihre Familie verlassen, um die Wilhelm Gustloff zu erreichen, da sie geglaubt habe, der Fluchtweg zu See böte noch Chancen, während sie die Flucht zu Land, wie viele andere Flüchtende auch, als aussichtslos angesehen habe. Der Vorstoß der Roten Arme sei zu diesem Zeitpunkt sehr rasch erfolgt. Allerdings, schreibt H., habe niemand wissen können, ob Erika die Wilhelm Gustloff auch erreicht habe. H. schreibt, er habe niemandem aus seiner Familie von der Vorstellung erzählt, die er sich von Erika und ihrem Tod jahrelang seit seiner frühen Kindheit gemacht und dass er sie so viele Jahre immer für bare Münze gehalten hatte.  Seltsam sei, schreibt H., dass ich damals, als er mir von seinem Großvater und Erika erzählte, die Wilhelm Gustloff ins Gespräch gebracht habe. Gar nicht seltsam sei dagegen, dass er jetzt, im Rückblick, nicht den Eindruck habe, an irgendeine andere Person als ebenjene auf dem Foto abgebildete Erika gedacht zu haben, wenn er sich als Kind das Kind Erika vorzustellen versuchte, sterbend im Wald.  Wem die Worte auf dem Foto zugedacht sind, weiß H. nicht. Vielleicht hat Erika es auch nicht gewusst. Das ist zwar unwahrscheinlich, aber genauso wie H. damals das Bild der im Wald sterbenden, kleinen Erika nicht aus dem Sinn gegangen sei, gehe ihm nun die Möglichkeit nicht aus dem Sinn, dass die drei Worte auf der Fotografie ihm gelten könnten.

Montag, 7. September 2009

Die Spitze des Eisbergs


Während der Mittagspause erzählte ich H., dass ich mich immer häufiger beim Führen von Selbstgesprächen ertappe. Wenn ich während eines Spaziergangs oder während des Einkaufs mit mir im Widerstreit liege (ich habe H. anvertraut, dass es sich meist um Streitselbstgespräche handelt) und mich der irritierte, mitleidige oder belustigte Blick eines Passanten trifft, erst dann wird mir meistens bewusst, was ich tue, so dass ich annehmen muss, dass meine Selbstgespräche in einer Art halbbewussten Versunkenheit stattfinden, was deshalb bemerkenswert ist, weil man davon ausgehen können sollte, dass das Führen eines Streitgesprächs ohne ein gewisses Maß an geistiger Gegenwart (in diesem Falle sich selbst gegenüber) nicht möglich sein kann.


Bastian Schreck: "Selbstgespräch", Acryl auf Leinwand, 120x40 cm

Ich kann nicht mehr sagen, warum ich H. überhaupt davon erzählt habe. Ich kenne ihn kaum gut genug, um ihm solche Dinge anzuvertrauen. Aber vielleicht ist es seine Unaufgeregtheit, die mir signalisiert, dass ihn nichts erschüttern kann, zumindest nicht im Hinblick auf die seltsamenen Angewohnheiten seiner Mitmenschen. Während ich erzählte, hatte ich trotzdem den Eindruck, dass ich etwas Unangemessenes tat, als würde es sich um eine Art Geständnisgespräch handeln, einen viel zu übereilten Versuch, Intimität herzustellen, als erzählte man einem Menschen, in den man sich heimlich verliebt hat, bei einem Treffen, das sich aus Zufall ergibt und in ein Gespräch mündet, den allerschlimmsten und obszönsten Alptraum, den man je hatte. Aber als ich mit meiner Geschichte fertig war, sagte H. nichts. Ich sah auf seine Hände, die ein Glas nach dem anderen in das klare Spülwasser tauchten, die aufgeweichten Fingerkuppen, die flächige Brandnarbe auf der linken Hand, die er sich vor vielen Jahren zugezogen hatte, als er sich im Suff (wie er mir sinnigerweise im Suff auf meine Nachfrage erzählte) mit brühendem Wasser übergossen hatte, in der hirnlosen Hoffnung, den aus der Verbrennung resultierenden Schmerz gegen einen Liebesschmerz eintauschen zu können, was natürlich nicht gelang, sondern darin gipfelte, dass sich beide Schmerzarten mehr oder weniger potenzierten. H. reagierte weder mit Unverständnis auf mein Selbstgesprächgeständnis noch mit der Empfehlung mich in die therapeutische Horizontale zu begeben. Er erzählte mir stattdessen, dass ihm ein Gedanke nicht mehr aus dem Sinn gehe, seit er ein Buch gelesen habe, das er zu Großteilen nicht verstanden und daher fast vollständig wieder vergessen habe. Jedenfalls bestand die Vorstellung darin – und H. sagte vorneweg, er halte diese Vorstellung für nichts als die Wahrheit – dass nur ein Bruchteil der von den Menschen produzierten Sprache eine zwischenmenschliche Sprache sei – nur die Spitze des Eisberges, sagte H., heiße es in dem Buch , während der große Rest sich jeder Beobachtung entziehe. Die Sprachen, die sich im Unterbewusstsein befinden und dort auch gesprochen werden, die Verbalträume, die Sprachgewitter im Halbschlaf, die Selbstgespräche, selbst das Denken in unseren Köpfen, das H.'s Ansicht nach nie vorsprachlich sei, sondern immer schon in der Sprache selbst stattfinde usw., alles das zusammen bilde, seit er das Buch gelesen habe, in seiner Vorstellung ein unermesslich reiches Sprachreservoir, das von seiner zwischenmenschlichen Zweckgebundenheit befreit sei und Formen beinhalte, von denen man eben träumen muss. H. sagte, nachdem ich bezahlt hatte, dass er eine gewisse Neugier, was meine Selbstgespräche angehe, nicht verleugnen könne und dass er sich sicher sei, dass ich bisweilen im Schlaf spreche.

Samstag, 5. September 2009

Die Dinge jenseits der Botschaftsmauer

Als ich mit H. heute über die sogenannten "Sexpartys" in der US-amerikanischen Botschaft in Kabul sprach, sagte er, er fühle sich an "Die Maske des roten Todes" von Edgar Allen Poe erinnert. Er sagte, es seien nicht so sehr die geschmacklosen Ausschweifungen an sich und ihre "pubertäre Schamhaftigkeit bei heruntergelasssenen Hosen", die den Kern seiner Erschütterung ausmachten, sondern vielmehr die Umstände, unter denen sie stattgefunden hätten, die Dinge jenseits der Botschaftsmauer sozusagen, sagte H., und dass er das wohl nicht näher auszuführen brauche. Poes Erzählung kannte ich nicht, also fragte ich H. nach ihrem Inhalt. Nachdem H. die Erzählung in aller Kürze zusammengefasst und ich die Parallelen, so wie H. sie ausgemacht zu haben glaubte, begriffen hatte, sagte H., das einzig bedauerliche an den "Kabuler Sexpartys" sei, dass ihnen Poes tödliche Pointe fehle. H. sagte, er könne zwar die von offizieller Seite verlautbarte Empörung nachvollziehen. Allerdings liege in ihr auch eine gewisse Ironie, angesichts des Tötens und Sterbens, an dem die Empörten nicht wenig Anteil gehabt hätten. Vor diesem Hintergrund seien die verklemmten Botschaftsspiele geradezu harmlos, insbesondere im Hinblick darauf, dass es sich, soviel er wisse, lediglich um Wachpersonal und nicht etwa um ranghohe politische Vertreter gehandelt habe. "Stell dir doch mal vor!", sagte er, lachte und führte seine Fantasie nicht weiter aus. Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Ich hatte nicht ein einziges Mal meine Meinung zu alledem geäußert, und wie schon die letzten Male, wenn ich übermäßig zurückhaltend war, winkte H., bestimmt aber nicht unhöflich, ab. Ich sah ihm noch eine Weile dabei zu, wie er die Gläser spülte und war froh, dass wir nicht mehr über diese Sache redeten. 

Samstag, 22. August 2009

Belüftungszwang

Während des Weiterbildungsseminars, das L. und ich gemeinsam besuchten, meldete sich ein Teilnehmer und bat mich sehr höflich darum, ein Fenster zu öffnen. Er sagte: "Wäre es wohl möglich, dass wir für einen Moment belüften?" Ich bejahte und öffnete das Fenster, woraufhin sich der Mann mit einem Lächeln bedankte. L., die Französin ist, klärte mich anschließend flüsternd darüber auf, dass der Vorgang soeben ein sehr deutscher gewesen sei.  Sie sei der festen Überzeugung, sagte sie, die Deutschen litten unter einer Art "Belüftungszwang". L. sagte, sie habe diese Eigenheit nach ihrer Ankunft in Deutschland vor vielen Jahren mit sehr viel Staunen und einigem Amüsement beobachtet. Sie habe allerdings nach einiger Zeit feststellen müssen, dass der allseitige Wunsch nach Frischluftzufuhr nur in den seltensten Fällen etwas mit einem tatsächlichen Mangel an Frischluft zu zun habe. Es sei ihr, flüsterte sie jetzt noch leiser, in den Sinn gekommen, dass rein körperliche Bedürfnisse nichts mit alledem zu tun hätten. Ich hatte den Anschluss an das Thema des Seminars längst verloren, aber war mehr als gespannt auf L.'s weitergehende Theorie. L. äußerte die Vermutung, dass die von den Deutschen während des Kriegs durchgeführten Vergasungen wohlmöglich mit alledem zu tun hätten. Für einen Moment sah sie mich ernst an, dann lächelte sie. L.'s Bemerkung ging mir nicht mehr aus dem Sinn, und es dauerte nicht lange, bis ich mir wünschte, jemand möge das Fenster schließen, denn in der Zwischenzeit war es empfindlich kühl geworden.